Etwas später blieb Damian unvermittelt stehen und bückte sich. Zunächst konnte Lara den Grund dafür nicht erkennen, dann sah sie, wie er seine Hand nach etwas im Gras ausstreckte. Ein bunter Schmetterling krabbelte von dem Halm, auf dem er saß, auf den ausgestreckten Finger. Damian richtete sich auf und hielt die Hand dicht vor sein Gesicht. Seine Lippen spitzten sich. Er blies vorsichtig Luft unter die Flügel des Tieres.
„Warum tust du das?“, wollte Lara wissen.
„Es ist zu kalt für ihn. Ich will ihn wärmen.“
„Er ist schön.“
Damian lächelte. „Er ist mehr als das. Er ist makellos.“
Der Schmetterling spreizte seine Flügel und drängte dem warmen Atem entgegen.
„Bald wird er sterben“, sagte Damian ruhig.
„Warum sagst du das?“
„Weil es wahr ist.“ Damian sah sie ernst an. „Es ist der Kreislauf des Lebens. Unveränderlich und scheinbar grausam. Leben muss vergehen, damit neues Leben

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entstehen kann.“ Er hob seine Hand etwas an. „Aber dieser Schmetterling war eine Zeit lang Teil des Ganzen. Seine Schönheit hat die Welt ein wenig reicher gemacht. Nun ist es für ihn Zeit zu gehen.“
„Das ist traurig.“
„Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Es kommt auf den Blickwinkel des Betrachters an."
„Und wie siehst du es?“
„Jetzt und hier ist er lebendig und wunderschön. Das ist alles, was zählt. Es gibt keine Zukunft, nur ein Jetzt, das vergeht und zu einem neuen Jetzt wird. Immer und immer wieder, bis in alle Ewigkeit.“
„Das klingt, als ob du dir viele Gedanken über die Welt machst. Über alles.“ Lara konnte ihre Verwunderung über Damians Worte nicht verbergen. Ob Ben solche Worte auch nur jemals gedacht hatte?
„Nein, tue ich nicht, aber ich kann Wahrheit erkennen, wenn ich sie sehe.“
Lara trat einen Schritt näher. „Darf ich ihn einmal nehmen?“
„Ja, aber sei vorsichtig.“
Er hob seine Hand, Lara streckte ihren Zeigefinger aus und als Damian sich ein wenig bewegte, krabbelte der Schmetterling auf Laras Finger. Lara hauchte ihn sanft an.
„Lass ihn fliegen“, meinte Damian.
„Ja, er soll fliegen.“ Lara warf das Tier in die Luft, das kurz mit den Flügeln flatterte und wenige Meter durch die Luft taumelte, bevor es zu Boden fiel.
„Oh nein“, rief Lara aus. „Der arme ...“
Sie wollte zu dem Schmetterling gehen, aber Damian legte seine Hand auf ihren Arm und hielt sie zurück. „Nein, lass ihn. Seine Zeit ist gekommen.“ Traurig wandte sich Lara ab. Weder sie noch Damian sahen, dass die Flügel des Tieres zu Stummeln verbrannt waren.